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Ich bin Pfarrer emeritus in Münster St. Joseph. 

 


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Januar 2017


POSTFAKTISCH
 
Damit hatte ich nicht gerechnet – und Sie wahrscheinlich auch nicht! – dass das Wort „postfaktisch“ von der Gesellschaft der deutschen Sprache zum Wort des Jahres 2016 bestimmt würde. Denn das Wort ist eigentlich erst seit dem September dieses Jahres bekannt, seitdem die Bundeskanzlerin von einem „postfaktischen Zeitalter“ gesprochen hat.  Das Wort bedeutet im engen Sinn das „was nach den Fakten, also den Tatsachen, kommt“. Wir kennen die Worte „postmodern“, also das, was nach den Errungenschaften der modernen Zeit kommt, oder „postchristlich“, wenn wir von der heutigen Zeit sagen, sie sei eigentlich ein Rückfall in die längst vergangenen Zeit, in der es noch kein Christentum gab.
 
Postfaktisch, das heißt also das, was nach den Tatsachen kommt, aber nicht im Sinn von Erklärung oder Interpretation von Tatsachen, sondern im Sinn von „Gerede statt Fakten“. Es geht also nicht darum, dass man darüber streitet, mindestens aber darüber diskutiert, welche Konsequenzen bestimmte Ereignisse haben. Beispiel: Die Menschen haben lange und intensiv darüber diskutiert, welche Folgen der Zweite Weltkrieg gehabt hat. Aber nur Idioten könnten behaupten, der 2. Weltkrieg habe nie stattgefunden. Auch wenn Millionen Menschen das in den sozialen Medien, die oft eher „unsoziale Medien“ sind, behaupten würden: Es wäre eine Lüge. Und das Wort „Lüge“ hat sehr viel mit dem Postfaktischen zu tun. Beispiel: Der zukünftige amerikanische Präsident, vor dessen Amtszeit viele Menschen Angst haben, hat in einer Twitter-Botschaft behauptet, Präsident Obama sei in Kenia geboren, sei Muslim und unterhalte ein Unternehmen für Kinderpornographie. Alles Lüge! Aber zigtausende von Menschen haben das angenommen und weiterverbreitet.
 
Oder: Jemand behauptet auf Facebook, der Papst habe ein uneheliches Kind. Auch wenn das in keinster Weise stimmt und auch nicht begründet wird: Millionen sogenannte Follower würden das in Windeseile weiter verbreiten.
 
Oder noch ein Beispiel, das vielleicht noch klarer den Sachverhalt wiedergibt: Jemand behauptet, die Erde sei eine Scheibe, und Millionen verbreiten das weiter. Dabei ist die Tatsache, dass die Erde eine Kugel ist, seit Jahrhunderten unbezweifelbar richtig. Aber es geht ja nicht um Fakten, sondern um Postfakten: Lügengeschwätz, dem jede Realität fehlt, das aber weit verbreitet wird. Jemand hat gesagt, dass die eigentlich selbstverständlichen Kategorien von Forschung, Beweisen und wissenschaftlichen Begründungen viele, sehr viele Menschen überhaupt nicht interessieren. Interessant ist die wahrheitslose Lüge, die Gefühle und Emotionen, das Spannende, das, was Eindruck macht und Emotionen weckt, aber nicht das Wahre, das Tatsächliche.
 
Selbstverständlich gibt es seit altersher die literarische Form der Erzählung, der Dichtung, auch des Märchens. Da geht es um schöne Erzählungen, die aber meistens einen tiefen Wahrheitsgehalt haben. Das gilt auch für manche biblischen Texte, z.B. das Buch Jona, das unbestritten eine poetische Erzählung ist, mit einem tiefen Hintersinn: Wer sich auf Gott einläst, wird nicht enttäuscht; das ist die Aussage vieler biblischer Erzählungen: die positive Botschaft!
 
Vielleicht darf ich Ihnen abschließend die Sache noch mal erklären an der wunderbaren Novelle von Werner Bergengruen, einem meiner Lieblingsdichter, mit seiner Erzählung „Das Netz“, das ich früher gern auch im Religionsunterricht erzählt habe. Da ist es also in einem Dorf in der Bretagne oberhalb der Meeresfelsen Gesetz, dass eine Frau, die beim Ehebruch ertappt wurde, zum Tod verurteilt wurde, und der Tod wurde vollstreckt, in dem die Frau vom Felsen ins Meer, das von vielen Felsen durchsetzt war, herabgestürzt wurde, der  Tod trat augenblicklich ein. Nun wurde, während ihr Mann als Fischer auf dem Meer war, eine Frau beim Ehebruch ertappt, zum Tod verurteilt und trotz ihres  Einspruchs am nächsten Morgen  vom Felsen ins Meer gestürzt. Welch eine allgemeine Verwunderung, dass die Frau am Nachmittag zusammen mit ihrem Mann, dem Fischer, durch das Dorf ging; sie hatte ein paar Schrammen im Gesicht, aber sie war offenbar ohne jeden Schaden. Der Mann hatte, als er von dem bevorstehenden Tod seiner Frau hörte, unter dem Felsen seine Fischernetze gespannt und seine Frau gerettet.
 
Wenn ich diese Geschichte früher im Unterricht erzählte, fragte immer irgendeiner der Schüler: „Ist die Geschichte wahr?“ Ich habe zurückgefragt: „Meinst du, ob sie wahr ist oder ob sie passiert ist?“  Und weiter: „Wenn du wissen willst, ob sie passier ist, musst du den Dichter fragen; das weiß ich nicht. Aber dass es  eine tiefe Wahrheit ist, dass Liebe und Vergebung stärker sind als Schuld und Vergeltung, das ist wahr!“
 
Jedenfalls ist die Geschichte keine postfaktische Lüge! 



                                                                            Ulrich Zurkuhlen