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Ich bin Pfarrer emeritus in Münster St. Joseph. 

 


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Monatsbild Februar 2018 <lesen>

Januar 2018

Subsidiarität

 

Ein kompliziertes Wort; meinen Sie nicht auch? Es ist lateinisch und heißt

wörtlich übersetzt etwa: „Hilfe“, „Unterstützung“, oder sogar, wie ich in meinem lateinischen Lexikon fand, „Reserve“ bzw. „Rückhalt“. Ich habe dieses Wort der christlichen Soziallehre aus dem Gedächtnis verloren, bis vor wenigen Tagen der österreichische Bundeskanzler Sebastian Kurz dieses Wort im Hinblick auf den Entwurf eines zukünftigen Europas gebrauchte. Darüber gleich mehr.

 

Subsidiarität ist ein Grundprogramm der christlichen Soziallehre, neben dem zweiten Begriff „Solidarität“, der uns vielleicht etwas bekannter ist. Bischof Höffner hat das vor fast 60 Jahren in seinen Vorlesungen und in seinen Büchern sehr nachträglich beschrieben. Es bedeutet also etwa: Der Einzelmensch, aber auch die kleinen menschlichen Gemeinschaften wie Familie oder Ortsgemeinde besitzen einen gewissen Vorrang an Selbständigkeit. Nur wo sie die Probleme  nicht allein lösen können, muss die nächst höhere Instanz eingreifen. Höffner bezieht das vor allem auf den Staat, wenngleich es eigentlich für alle sozialen Systemen gilt. Also: Wenn der Einzelne seine Probleme (Arbeitslosigkeit, Verlust der Identität, Verlust der Familie, aber auch Zahlungsunfähigkeit usw.) nicht lösen kann, muss die nächst höhere Gemeinschafts-Instanz helfen. Das gilt für unser  ganzes Sozialsystem. Alle Hilfen, etwa für kinderreiche Familien, für mittellose Migranten, für zahlungsunfähige Mieter  usw. sind ein Teil, bzw die konkrete Entfaltung der Subsidiarität. Oder: Was eine Kommune unmöglich allein lösen kann, muss etwas das Land helfend eingreifen: Flüchtlingsauf-nahme, Straßenbau, Wohnungsbau usw.

 

Und Europa? Kanzler Kurz stellt sich das offenbar so vor, dass die einzelnen Staaten ihre Selbständigkeit, aber auch ihre Besonderheit behalten, aber wo sie überfordert sind (nur dann!), greift „Europa“ ein. Wie das jeweils konkret  aussehen könnte, müsste man lange diskutieren. Aber das Prinzip ist super: Der Kleinere behält seine Identität, die der  Größere nicht zerstören darf. Der Größere greift „subsidiär“, also helfend ein. Toll: Die christliche Soziallehre als Prinzip der europäischen Politik!

 

Und die Kirche, in der weitgehend kleine Einheiten ( Ortgemeinen) von den Großgemeinden geschluckt werden? Wo die Selbständigkeit kleiner Gemeinden  brutal zerstört wird, wie ich es selbst traurigerweise zweimal erlebt habe? Wo die Großgemeinde die kleinen Gemeinden platt macht? Wie wäre es eigentlich, wenn das Grundprinzip christlichen Denkens – die Subsidiarität – auch das Prinzip der Kirchenstruktur wäre? Kleine Gemeinden und Gemeinschaften können ihre Identität, ihre Fantasie, ihre Besonderheiten, ihre Konkretheit bewahren, und die Großgemeinde steht, wo es nötig ist, helfend und beratend zur Seite. Also: Nicht die sinnlose Zerstörung von kleinen Einheiten, sondern der helfende Beistand, die Beratung usw.  durch die Großgemeinde, in der es natürlich die Spezialisten gibt, die aber das Leben der  Ortsgemeinde  erhalten, pflegen und verstärken. Wie wäre das?

 

Ich habe nicht den Eindruck, dass die Kirche sich an die durch und durch christliche „Subsidiarität“ erinnert; und an die dringend notwendige Solidarität? Toll, wenn ein junger Politiker der christlichen Soziallehre mehr abgewinnen kann als die Kirche. Peinlich!   


                                                                            Ulrich Zurkuhlen