Kennen Sie ein Tamagotchi?

 

Ob Tamagotchis heute eigentlich noch aktuell sind? Oder ist unsere kurzlebig-technische Welt lange darüber hinweg gelaufen?

 

Ich kann mich noch sehr gut erinnern an eine nette, aber für mich völlig unverständliche Szene in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Wir waren im Gottesdienst; ich war damals noch Pfarrer der Dyckburg-Gemeinde in Münster. Das besondere Qualitätsmerkmal der Gemeinde war die große Zahl von Messdienern und Messdienerinnen. Neben mir stand u.a. ein kleiner, etwas schüchterner Messdiener. Schon im ersten Teil der Messe, ich meine bei den Fürbitten, guckte er mich von unten an und sagte leise, aber verständlich: „Darf ich mal eben in die Sakristei und mein Tamagotchi füttern?“ ich glaube, ich bin aus allen Wolken gefallen. Ich hatte noch nie von diesem seltsamen Tier gehört; es muss ziemlich klein gewesen sein? Und mit was wollte der kleine Messdiener sein Tier füttern? Hoffentlich bediente er sich nicht bei den ungeweihten Brot-Hostien? Und wo hatte er das Tier: Unter der Messdienerkleidung? Es dauerte nicht lange, da kam er mit einem glücklichen, zufriedenen Gesicht zurück. Und meine vielen Fragen haben mich für den Rest der Messe begleitet, bis sich hinterher in der Sakristei alles klärte. Alle Messdiener wussten, was ein Tamagotchi ist, nur ich nicht.

 

Ein Tamagotchi kommt aus Japan, erstmals im Jahr 1996; die Zielgruppe dieses Spielzeugs lag zwischen 14 und 17 Jahren. Der Tamagotchi-Kult war schon nach einigen Monaten vorbei. Ein Tamagotchi ist ein „Eklektonik-Spielzeug“, und ich habe den Eindruck, dass damit die Welle von Elektronik-Produkten, die heute in vielen Bereichen eine ungeahnte Verbreitung gefunden hat, begann.

 

Ein Tamagotchi hat in etwa die Gestalt von einem Ei, oder einer Taschenuhr. Es ist 5,5 cm hoch, 4 cm breit und 1,5 cm dick. Jemand nannte es ein „virtuelles Küken“. Es hat Bedürfnisse wie Essen, Schlafen, Trinken usw., natürlich elektronisch. Ob es auch zur Toilette muss, weiss ich nicht. Aber es bedarf der Zuneigung. Und, so sagte mit jemand, es hat eine ganz eigene Persönlichkeit. Wenn man sein Tamagotchi vernachlässigt und seine Bedürfnisse nicht bedient, stirbt es; es kann allerdings auch wiederbelebt werden, jedenfalls meistens.

 

Ich hätte Spaß, mit dem virtuellen Küken, das  ein neues Leben beginnen kann, einen Jugendgottesdienst zu feiern, natürlich nicht nur mit den Tamagotchis, sondern auch mit den keineswegs virtuellen Besitzern. Sinnvollerweise vielleicht in der Osterzeit?



                                                                            Ulrich Zurkuhlen